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Oswald Wiener, Selbstbeobachtung und Kybernetik 
Summer School 

Workshop 

Notizbuch von Oswald Wiener

Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Ausgehend von der Ausstellung A.rtificial I.ntrospection O. in der HALLE FÜR KUNST Steiermark werden wir uns in dieser Summer School mittels Lektüre von Primär- als auch Sekundärtexten und gemeinsamen Diskussionen zentralen Ansätzen von Oswald Wiener nähern. Kurz vor seinem Tod im Jahr 2021 hatte Wiener noch den Versuch unternommen, für seine diversen Ansätze unter anderem zur Kybernetik und der Selbstbeobachtung eine umfassende Theorie zu entwickeln, konnte dies jedoch nicht mehr realisieren. Wiener gehörte zu jener Generation von Intellektuellen der 1960er-Jahre, deren Erwartungen an Kunst, Sprache und Geisteswissenschaften zunehmend desillusioniert wurden. Ab Ende der 1960er-Jahre widmete er sich der in den 1940er-Jahren entstandenen Kybernetik. Als teils provokative Reaktion auf den sogenannten linguistic turn beziehungsweise die linguistische Wende, der die Vorstellung inhärent ist, dass die Welt, wie wir sie wahrnehmen und wie sie uns erscheint, sprachlich konstruiert ist, orientierten sich vormalige Verfechter:innen der Geisteswissenschaften, darunter auch Wiener, zunehmend an positivistischen, naturwissenschaftlichen und zunächst auch behavioristischen Ansätzen. Vom Behaviorismus[1] distanzierte sich Wiener später aber grundlegend.

In den 1950er-Jahren war Wiener Mitglied der Wiener Gruppe und Jazzmusiker, in den 1960er-Jahren arbeitete er bei Olivetti in leitender Position. Nachdem er 1969 Österreich auf Grund von Gotteslästerung und radikaler Staatskritik verlassen musste, zog er nach Berlin ins Exil, wo er bis 1986 als Gastwirt arbeitete und Mathematik und Informatik studierte. Daraufhin lebte er in relativer Abgeschiedenheit in Kanada und arbeitete erneut im Bereich der Künstlichen Intelligenz, hatte von 1992 bis 2004 die Professur für Poetik und künstlerische Ästhetik an der Kunstakademie Düsseldorf inne und zog 2012 wieder in die Steiermark. Es ist genau vor dem Hintergrund dieses Zusammenspiels, dass sowohl Wieners Denkkonstrukte, als auch seine vielfältigen Werke, etwa die verbesserung von mitteleuropa, roman (1969), Selbstbeobachtung (2015) sowie etwa der 2023 erschienenen Band Die Theorie des Denkens betrachtet werden können.

Da der ausschließlich in Aphorismen denkende Dandy sowie der Dandyismus ein Vorbild für Wiener waren, weil dieser dennoch auch selbst immer wieder kritisch beäugte und hinterfragt, kann Wiener nicht nur als ein solcher gesehen werden, sondern zugleich soll auch das Konzept noch einmal näher betrachtet werden. Grundsätzlich ging es Wiener stets darum, sowohl Bewusstsein, als auch Denken zu ergründen. Da er sich in seinem ersten Versuch, dies über die Kunst zu schaffen, gescheitert sah, versuchte er es im Anschluss über die Kybernetik. Bei dieser Beschäftigung dachte er zunächst, dass Denken ähnlich wie Maschinen rekonstruierbar sei, stellte so aber fest, dass Maschinen weder Erfahrungen, noch Vorstellungen besitzen.

Oszillierend zwischen Technikoptimismus und immer stärker werdenden Technikpessimismus prophezeite Wiener schon früh die Gefahren der fortschreitenden Technologisierung und antizipierte die reduzierte Intelligenz der Künstlichen Intelligenz, indem er auch die menschliche Intelligenz oder das was unter ihr verstanden wird, kritisierte. Somit ist sein Denken auch interdisziplinär zu verstehen, als zwischen Natur- und Geisteswissenschaften pendelnd.

[1] Der Behaviorismus ist neben dem Kognitivismus, dem Konstruktivismus und dem Konnektivismus eine der zentralen Lerntheorien, der untersucht, wie Menschen und Tiere auf Umweltreize reagieren. Beim Behaviorismus handelt es sich um eine psychologische Theorie, die mentale Prozesse weitgehend ausklammert und stattdessen ausschließlich beobachtbares Verhalten untersucht. Vertreter:innen des Behaviorismus argumentierten, dass wissenschaftliche Psychologie nur messbare Reaktionen auf Reize analysieren sollte. Er konzentriert sich ausschließlich auf beobachtbares Verhalten, nicht etwa auf innere Gefühle und Gedanken und basiert auf der Grundidee, dass Verhalten aus Reizen der Umwelt ausgelöst wird und durch Lernen geformt wird. Innere Vorgänge wie Gedanken, Emotion oder Motivation bleiben dabei also unberücksichtigt und Verhalten wird als einfache Reiz-Reaktion-Verknüpfung verstanden. Begründet wurde der Behaviorismus von John B. Watson, der Psychologie als objektive, messbare Wissenschaft etablieren wollte. Ein zentrales Konzept ist die sogenannte Blackbox“, die das Innere des Menschen beschreibt: Alle nicht beobachtbaren mentalen Prozesse werden ausgeblendet, obwohl sie tatsächlich das Verhalten beeinflussen, wie etwa bei einer Person, die sich bei Schnee warm anzieht, ohne dass ihre Gedanken oder Gefühle, wie dass ihr kalt ist, berücksichtigt werden. Im Gegensatz zu diesem Black-Box-Modell“ des Behaviorismus, versuchen Kognitivismus und Konstruktivismus zu verstehen, wie Informationen im Kopf verarbeitet und strukturiert werden.


PROGRAMM

Tag 1, 1.7.26, 10:00 – 18:00

10:00 – 11:25

1. Oswald Wiener

  • Klaus Kastberger im Gespräch mit Andrea Gerk, Oswald Wiener: Ein radikaler und unbestechlicher Denker, Deutschlandfunk Kultur, 19.11.2021.
  • Kastberger, Klaus, Oswald Wiener: Schreib-Szenen zwischen Literatur und Wissenschaft, Vortrag Universität Wien, 29.10.2010, Manuskripte, Heft 189/190.
  • Weibel, Peter, Laudatio für Oswald Wiener, manuskripte-Preisträger 2006, Manuskripte, Heft 174.
     

11:35 – 13:00

2. Frühe Phase: Wiener Gruppe, experimentelle Kunst, Künstler ohne Werk

  • Kastberger, Klaus, Wien 1950/1960. Eine österreichische Avantgarde, 2009. In: Ecker, B., Hilger, W. (eds) Die fünfziger Jahre / The 1950s. Springer, Wien. https://​doi​.org/​10​.​1007/978 – 37091 – 0052-3_4
  • Wiener, Oswald, Wozu überhaupt Kunst?, in: Wiener, Oswald, Literarische Aufsätze, Löcker Verlag, Wien 1998, S. 21 – 41.
  • Nüchtern, Klaus, Dem Gulda schulde ich noch eine Watsch’n, Falter, 40/2019.
     

14:00 – 15:50

3. Distanzierung von Kunst und Sprache: gegen den linguistic turn, Dandy-Ideologie, Dandy und Dandyismus

  • Dany, Hans-Christian, Knoll, Valerie, No Dandy, No Fun. Gutaussehend in den Untergang, Sternberg Press, Berlin, 2021.
  • Schillinger, Jakob, Oswald Wiener on Dandyism, OCTOBER 170, Fall 2019, S. 31 – 50. © 2019 October Magazine, Ltd. and Massachusetts Institute of Technology. https://​doi​.org/​10​.​1162​/​o​c​t​o​_​a​_​00368
  • Kukuljevic, Alexi, Slippered Negligence: The Dandy, in: Kukuljevic, Alexi, Liquidation World – On the Art of Living Absently, Massachusetts Institute of Technology, 2017, S. 79 – 88.
     

16:10 – 18:00

4. Einführung in die Theorie des Denkens

Kapitel 1 – 3, Theorie des Denkens (De Gruyter Brill, Berlin / Boston)

  • Gespräch zwischen Oswald Wiener und Thomas Eder, Literatur, Sprache, Denken: Die Anfänge, S. 11 – 77.
  • Gespräch zwischen Oswald Wiener und Thomas Raab, Von Maschinen zur Denkpsychologie, S. 79 – 109.
  • Zusammenfassender Text von Caro Feistritzer
     

Tag 2, 2.7.26, 10:00 – 18:00

10:00 – 11:25

5verbesserung von mitteleuropa, roman (Rowolth, Hamburg; Jung und Jung, Salzburg)

  • Cipani, Nicola, Zur Theorie eines „, roman“: Oswald Wiener verbesserung von mitteleuropa“: Ein Kommentar, Ergon Verlag, Baden-Baden, 2022, S. 7 – 48.
  • Wiener, Oswald, die verbesserung von mitteleuropa, roman, Jung und Jung, Salzburg und Wien, 2022 (Exzerpte in der Ausstellung ansehen)
     

11:35 – 13:00

6. Der Bio-Adapter“ und künstliche Realität

  • Wiener, Oswald, Schriften zur Erkenntnistheorie, Appendix A: Der Bio-Adapter, Springer-Verlag, Wien, 1996, S. 46 – 57.
  • Der Bio-Adapter Versuch einer Rekonstruktion, https://​cfa​-gal​le​ry​.com/​e​x​h​i​b​i​t​i​o​n​s​/​b​e​r​l​i​n​-​d​e​r​-​b​i​o​-​a​d​a​pter/, (Kurztext)
  • Schäfer, Armin, Der Bio-Adapter, Ein Objekt, das den Menschen zum Cyborg macht und aufzeigt, was Fiktionen sind, https://​www​.vir​tu​el​le​-lebens​wel​ten​.de/​b​l​o​g​-​p​o​s​t​/​d​e​r​-​b​i​o​-​a​d​apter.
     

14:00 – 15:50

7. Turing-Maschine, Content Analysis, künstliche Intelligenz und Kritik

  • Makowsky, J.A., Zen oder die Kunst eine Turing Machine zu warten, https://​janos​.cs​.tech​ni​on​.ac​.il/​P​U​B​/​P​U​B​L​I​S​H​E​D​/​m​a​k​o​w​s​k​y​/​w​i​e​n​e​r.pdf
  • Wiener, Oswald, Probleme der Künstlichen Intelligenz, Merve Verlag, Berlin, 1990, S. 73 – 97.
     

16:10 – 18:00

8. Selbstbeobachtung und zentrale Begriffe von Oswald Wiener

  • Raab, Thomas, Selbstbeobachtung. Wozu und, wenn ja, welche? Eine Einleitung zur Denkpsychologie Oswald Wieners, in: Eder, Thomas und Raab, Tomas, Oswald Wieners Denkspsychologie, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2015, S. 7 – 56.
  • Wiener, Oswald, Probleme der Künstlichen Intelligenz, Merve Verlag, Berlin, 1990, S. 7 – 41.
     

Tag 3, 3.7.26, 10:00 – 13:00

10:00 – 11:30

9. Aufgaben der Selbstbeobachtung

  • Aufgaben. Oswald Wiener u. Michael Schwarz, in: Eder, Thomas und Raab, Tomas, Oswald Wieners Denkspsychologie, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2015, S. 445 – 467.


12:00 – 13:00 

10. Experimentelle Ansätze in der zeitgenössischen Kunst

  • Gemeinsamer Ausstellungsrundgang A.rtificial I.ntrospection O.


Ort:
HALLE FÜR KUNST Steiermark
Burgring 2, 8010 Graz, hal​le​-fuer​-kunst​.at

Leitung des Workshops: MA Caro Feistritzer
Studierenden der Technischen Universität Graz, Fakultät Architektur, werden für die Teilnahme am Workshop 2 ECTS angerechnet.

Es werden ausgewählte Auszüge von englischen und deutschen Primär- und Sekundärexten gelesen und anschließend besprochen. Als Vorbereitung zum Workshop soll die Ausstellung A.rtificial I.ntrospection O. in der HALLE FÜR KUNST Steiermark im Vorfeld eigenständig besucht und das hier anschaulich aufbereitete Archiv zu Oswald Wiener in einer auszugsweisen Lektüre durchgesehen werden.

Öffnungszeiten, freier Eintritt: Dienstag – Sonntag, 10 – 18 Uhr

Anmeldung zur Summer School bis 24.6.2026: cf@​halle-​fuer-​kunst.​at
kostenfreie Teilnahme, limitierte Plätze

Notizbuch von Oswald Wiener

Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek