Über « die verbesserung von mitteleuropa, roman » von Oswald Wiener
Nicola Cipani, Thomas Eder
Gespräch

Nicola Cipani
Oswald Wieners die verbesserung von mitteleuropa, roman kann als der bahnbrechende Entwicklungsroman der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesehen werden: einerseits als Dokument der geistigen Umbruchphase seines Autors; andererseits als diagnostische und prophetische Schrift zu sozialhistorischen, politischen und wissenschaftlichen Entwicklungen der abendländischen Welt seit 1950. Der „roman“ modelliert als ein sich selbst unterlaufender Essay, der zugleich seine eigene Persiflage ist, die Entwicklung der westlichen Industriegesellschaften als ein Amalgam von Politik, Staatenlenkung und Statistik. Die Dominanz des Behaviorismus wird dabei als umfassende Denkhaltung entlarvt, die Wissenschaft und Politik prägt und die Zurichtung des Einzelnen bis zum Verlust von Individualität nach sich zieht. Zugleich stellt der Text die Unzulänglichkeit der verfügbaren Formen des Dissens heraus: Kritik und Widerstand erscheinen selbst bereits von den beschriebenen Systemen vereinnahmt oder strukturell begrenzt. Der abschließende Abschnitt zum „bio-adapter“ fungiert schließlich als Zerrspiegel dieser Entwicklung. Nicola Cipani und Thomas Eder stellen in Kurzbeiträgen zentrale Elemente und Theorieangebote der verbesserung von mitteleuropa vor und führen ein Gespräch zu ihrer ungebrochenen Brisanz, auch im Lichte der aktuellen Debatten um Künstliche Intelligenz, die Wiener als „Intelligenz-Attrappe“ einschätzt.
Künstler:innen
Teilnehmende Künstler:innen
Nicola Cipani
promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Arbeit über die Mnemotechnik der Renaissance. Er lehrt an der New York University, wo er komparatistische Seminare zu literarischen Maschinen, visueller Poesie und Lautpoesie anbietet. Zudem hat er Oswald Wieners verbesserung von mitteleuropa ins Italienische übersetzt und kommentiert. Sein Kommentar ist auf Deutsch im Ergon Verlag 2022 erschienen (Zur Theorie eines », roman«: Oswald Wieners »verbesserung von mitteleuropa«). Parallel zu seiner akademischen Tätigkeit ist er gelegentlich im Bereich der experimentellen Musik aktiv gewesen. Derzeit arbeitet er an einer Ausgabe von Giordano Brunos Über die Schatten der Ideen.
Thomas Eder
ist Literaturwissenschaftler mit Schwerpunkten auf die Literatur der Neoavantgarde und auf „Cognitive Poetics“, lehrt am Institut für Germanistik der Universität Wien und betreut die Sparte Literatur im kunsthaus muerz. Zudem ist Eder Redaktionsmitglied der Zeitschrift wespennest, Literaturveranstalter und ‑vermittler und leitet das Referat für Corporate Identity, Kommunikationsdesign und Publikationen im Bundeskanzleramt der Republik Österreich.
Publikationen zuletzt u.a: Oswald Wiener’s Theory of Thought. Conversations and Essays on Fundamental Issues in Cognitive Science, hg. m. T. Raab u. M. Schwarz, Berlin, Boston: De Gruyter 2023; Wiener Kreis und Wiener Gruppe, hg. m. K. Kokái Wien: NoPress 2024; Hölderlins Ode Blödigkeit. Text, Deutungen und Essays, hg. m. R. Heinrich, Paderborn: Brill | Fink (in Druck, erscheint 2026 als Band 6 der Reihe „Hölderlin-Forschungen“, hg. v. J. Robert und M. Vöhler)

Nicola Cipani