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Kettensäge, Krypto, Korruption.
Argentinien zwischen Populismus und radikaler Rechten

Tobias Boos 

Vortrag 

Tobias Boos

Foto: Leonardo Ramirez Photography

Diego Bianchis Praxis, im urbanen und öffentlichen Raum aufgefundene Objekte in Skulpturen und Installationen zu verarbeiten, kann auch vor dem Hintergrund der gravierenden Wirtschaftskrise in Argentinien gesehen werden, die mit einer starken Rezession 1998/99 ihren Anfang nahm und in einem Zusammenbruch des Finanzsystems 2001/02 kumulierte. Bianchi, der oft in abstrakter Weise auf gesellschaftspolitische Themenkomplexe referiert und zunächst eher aus dem Kunsthandwerk kam, schuf 2004, als Argentinien in einer ersten wirtschaftlichen Erholungsphase war, seine erste größere Installation aus im Stadtraum aufgelesenen Objekten, Baumaterialien und weiteren weggeworfenen Utensilien in einer Galerie in Buenos Aires.

In jedem Fall war die Wirtschaftskrise Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre gravierend für Argentinien und deren Folgen waren mindestens bis 2005, wenn nicht bis heute spürbar. Seit 2012 steckt Argentinien erneut in einer tiefen wirtschaftlichen Stagnation mit dem Resultat, dass die Wirtschaft erneut zusammenbrach und 2023 die Jahresinflation bei über 200 Prozent lag. Als Konsequenz auf die Wirtschaftskrise Anfang des neuen Jahrtausends verfolgte der links zur Mitte stehende Kirchnerismus mit Néstor Kirchner (2003 – 2007) und Christina Fernández de Kirchner (2007 – 2015) eine sogenannte neodesarollistische Methode, die in einer Phase günstiger wirtschaftlicher Bedingungen und angesichts vorteilhafter internationaler Preise eine staatlich gelenkte wirtschaftliche Entwicklung forcierte. Tatsächlich kam es mit dieser Strategie zunächst zu einer leichten Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen, die auch Arbeitnehmer:innen und benachteiligte Bevölkerungsgruppen begünstigte, aber eine tatsächliche Umverteilung blieb aus. Mit der Krise seit 2012 wurde diese Entwicklung jedoch unterlaufen, die Einkommen sanken, die Arbeitsverhältnisse wurden immer unsicherer und die Inflation stieg rasant an. Schließlich wurde das Bündnis rund um Kirchner 2015 abgewählt und von einer Mitte-Rechts-Koalition unter Mauricio Macri (2015 – 2019) ersetzt, die ein wirtschaftsliberales Reformprogramm anvisierte, jedoch erfolglos blieb, um Strukturanpassungen umzusetzen. Im Jahr 2018 bewirkte der Eingriff des Internationalen Währungsfonds noch eine Stärkung des wirtschaftsliberalen Kurses sowie eine Beschleunigung der Wirtschaftskrise mit drastischen sozialen Konsequenzen. Zwar kam 2019 das neodesarollistische Bündnis unter Alberto Fernández (2019 – 2023) wieder an die Macht, aber auch ihr gelang kein Ausweg aus dem wirtschaftlichen Niedergang und der Inflation. Nachdem die Regierungen zwei Dekaden versucht hatten, eine stabile wirtschaftliche Lage herzustellen und ihr Versprechen, mit großen staatlichen Interventionen die Wirtschaft zu stärken, immer weniger halten konnte, sah ein Großteil der Bevölkerung den Staat nicht mehr in der Lage, die Problematiken Argentiniens zu bekämpfen.

Seit Ende 2023 ist Javier Milei Präsident Argentiniens, als Vorsitzender der libertären und rechtspopulistischen Parteie La Libertad Avanza. Im Wahlkampf versprach er nicht weniger als den Bruch mit der herrschenden Gesellschaftsordnung in Argentinien: Nach einer radikalen Rosskur solle die glorreiche Wiederauferstehung Argentiniens und die Rückkehr zu altem Ruhm und Reichtum folgen. Dabei verbinden die Versprechungen des selbsterklärten Anarchokapitalisten“ Milei regressive Gesellschaftsvorstellungen mit individuellen Freiheitsidealen und der Utopie einer technologiebasierten Modernisierung. Doch wie steht es nach zwei Jahren Amtszeit mit diesen Versprechen? Wie verhält sich das Projekt Mileis zur langen populistischen Tradition in Argentinien und wie lässt es sich in die internationale Konjunktur rechtsradikaler und rechtspopulistischer Parteien einordnen? Und welche Relevanz hat der Fall Argentinien für Österreich und Europa?

Künstler:innen

Teilnehmende Künstler:innen

Tobias Boos

lebt in Wien

studierte Politikwissenschaften, Soziologie und Entwicklungsstudien in Wien, Buenos Aires, Quito, London und Madrid und schloss 2019 mit einem PhD in Politikwissenschaften an der Universität in Wien ab.

Nach Stationen als Universitätsassistent am Institut für Politikwissenschaften der Universität Wien (2019), als stellvertretender Leiter des Forschungsnetzwerks Lateinamerika an der Universität Wien (2020 – 2024), ist er seit 2023 Leitender Forscher des vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank (OenB) finanzierten Projekts The Cultural Political Economy of Bitcoin in the Global South (BITELSA)“, das die Bitcoin-Einführung in El Salvador untersucht. Darüber hinaus ist er seit 2025 Senior Scientist am Institut für Politikwissenschaften an der Universität Wien sowie Visiting Researcher am Department of International Development des King’s College in London.

Publikationen (Auswahl): Populismus in der Mittelklasse. Die Kirchner-Regierungen zwischen 2003 und 2015 in Argentinien, 2001, Sozialstruktur in Lateinamerika. Dynamiken und Akteure im 21. Jahrhundert, 2021. Social Structure in Latin America. Dynamics and Actors in the 21st Century, Springer VS, 2021, Bitcoin, Techno-Utopianism and Populism: Unveiling Bukele’s Crypto-Populism in El Salvador’s Adoption of Bitcoin. In: Economy and Society, 2025.

Tobias Boos

Foto: Leonardo Ramirez Photography