Stefan Albl
Die Renaissance der Sinnlichkeit. Tizian um 1520
Vortrag

Dr. Stefan Albl
© Helmut Lunghammer
Insbesondere Louise Giovanelli ist stark inspiriert von der italienischen Renaissancemalerei und so auch Tizian. Ihr Interesse an der Ekstase spiegelt die Sinnlichkeit wider, die im 16. Jahrhundert erreicht werden sollte. Tatsächlich ist so möglich, von einem Wendepunkt zu sprechen, den der wesentliche italienische Renaissance-Maler Tizian um 1520 erreichte, denn er führte die Renaissance samt ihrer Kunst in eine neue Dimension.
Tizian schaffte es fortan in seinen Werken eine meisterhaft technische Virtuosität mit einer tiefgreifenden menschlichen Empfindung zu kombinieren. Auch hier scheint Giovanelli inspiriert, denn er nutzt die Farbe als ein Medium, um Emotionen auszudrücken und somit als einen Ausdruck innerer Bewegtheit, die Intensität eines Augenblicks und die Schönheit von Körpern auszudrücken. Dabei ist jene Sinnlichkeit insbesondere philosophisch zu verstehen: Tizian erkundet das Spiel von Licht, Fleisch und Stofflichkeit – ganz wie Giovanelli auch.
Sein berühmtes Werk Venus von Urbino etwa ist exemplarisch für seine Frauenakte, die ein innovatives und somit neues Verständnis von Körperlichkeit inkorporiert – nämlich eines, das selbstbewusst, lebendig und voller innerer Wärme ist und somit allegorisch auf ein neues Menschenbild verweist: Es geht ihm weniger um die Darstellung abstrakter Ideale, sondern vielmehr um individuelles und spürbares Dasein. Tizian präsentiert Menschen in ihrer Verletzlichkeit, die fühlen, begehren und leiden, aber so auch in ihrer Würde. In dieser Verbindung von Körper und Seele, von Oberfläche und Innerlichkeit liegt die stille Kraft seiner Malerei. Tizian um 1520 steht damit exemplarisch für eine Wendung der Renaissancekunst – hin zu einem Ausdruck, der das sinnlich Erfahrbare nicht als Gegensatz zum Geistigen, sondern als dessen vollwertige Entsprechung versteht.
Künstler:innen
Teilnehmende Künstler:innen
Stefan Albl
studierte Kunstgeschichte an der Universität Wien und an der Università Roma Tre und promovierte an der Universität Wien, wo er auch seinen Post-Doc absolvierte. Nach Stationen als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, an der Bibliotheca Hertziana in Rom, am Center for Advanced Study in the Visual Arts an der National Gallery of Art in Washington, war er Visiting Professor für Kunstgeschichte an der Placky Universität in Olomouc. Seit 2023 ist er Sammlungskurator für Frühe Neuzeit an der Alten Galerie & Schloss Eggenberg in Graz.
Publikationen: Pietro Testa als Maler, Wien 2021, Mattia Pretis Befreiung des Heiligen Petrus aus dem Kerker, Rom 2020, La fortuna dei Baccanali di Tiziano nell’arte e nella letteratura del Seicento, hg. von Stefan Albl und Sybille Ebert-Schifferer, Rom 2019, Göttliche Betrüger. Bartholomäus Sprangers Venus, Mars und Amor in der Alten Galerie in Graz, in Studia Rudolphina 23/2024, S. 51 – 73.

Dr. Stefan Albl
© Helmut Lunghammer