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Im Dialog mit der Antike:
Modelle des Zusammen­lebens im Europa der Zukunft

Eveline Krummen 

Essay

Akropolis, Athen

Foto: HK

Im Zentrum der Ausstellung steht das Thema Europa“. Dabei soll der Bogen von der Antike, der Herkunft, über die Gegenwart bis in die Zukunft geschlagen, also die Frage nach dem Woher“ und Wohin“, nach dem Verbindenden und der gemeinsamen Identität gestellt werden. Kann es diese überhaupt geben angesichts der Zersplitterung und der Zerwürfnisse im politischen, sozialen, ökonomischen Bereich? Die Grundlage Europas und die Zukunft, so die These der Ausstellung, liege im Felde der Kunst und Kultur, hier ist das Verbindende zu suchen.

Dass Kunst und Kultur in einer Tradition stehen, die letztlich bis in die Antike zurückreicht, dass sie diese kritisch reflektiert, die Grenzen sprengt und Neues für die Zukunft schafft, ist unbestritten. Und doch sind gerade diese Bereiche und Begriffe, die uns heute zu trennen scheinen, Politik, Ökonomie, Kommunikation (bzw. Rhetorik), im Zentrum Europas“ zu sehen, als etwas, was uns alle verbindet, besonders wenn wir die Institution der Demokratie als Staatsverfassung dazu nehmen. So können zum Beispiel der Europäischen Union auch nur demokratisch verfasste Staaten beitreten. Jedenfalls stammen die oben genannten Begriffe alle aus dem Griechischen. Die Reflexion darüber, wie Ökonomie und Politik, Individuum und Polis (Staat) in Beziehung zu setzen sind, wie sie das materielle Auskommen, aber auch das Zusammenleben sichern, damit ein gutes Leben für alle möglich ist, ferner wie man reden und argumentieren soll, steht am gemeinsamen Anfang, im Zentrum der griechischen Literatur und Philosophie. In deren Texte sind die Begriffe definiert und inhaltlich besprochen.

Analysiert man zunächst den Begriff der Demokratia, so ist dieser zusammengesetzt aus démos, Volk“, und krátos, Macht“. Die Macht des Volkes“ jedoch liegt darin, selbst zu entscheiden. Es ist eine auf eine Verfassung (politeia) gegründete Staatsform, die in Relation zu anderen gesehen wird, nämlich der Macht der Wenigen (Oligokratía) oder des Einzelnen (Monokratía, Tyrannis). Charakteristisch ist die Partizipation aller Bürger, die alle gleichen Anteil haben, aufgrund ihrer Leistung und nicht ihrer Herkunft oder ihres Reichtums. Wichtig ist zudem die Freiheit“: Frei leben wir im Staat zusammen“, sagt Perikles bei Thukydides (2,37). Freiheit aber bedeutet gleichzeitig auf die Gesetze zu hören“ und die ungeschriebenen Gesetze“ (ágraphoi nómoi) zu beachten, zum Beispiel, dass jeder Mensch bestattet werden muss. Auch die Feste für die Götter und Heroen gehören zur Polis. So kommt im 5. Jahrhundert die ganze Welt“ nach Athen, wie ebenfalls Perikles sagt, zum Beispiel zum Fest für Dionysos, zu den Dionysien, mit den Tragödien- und Komödienaufführungen, oder zu den Panathenäen, dem Fest für die Stadtgöttin Athena, mit den vielen musischen Darbietungen, für die es auch wertvolle Preise gab, nämlich große kunstvoll bemalte Amphoren, gefüllt mit heiligem Olivenöl. Der Ort der Kunst ist die Polis. Alles muss seine Ordnung haben, dazu gehört die Beziehung zu den Göttern. Bürger, die eine Leitungsfunktion haben, stehen zudem in einer besonderen Verantwortung, die Gesetze gut auszugestalten und gute Lösungen zu finden in der Wirtschaft und im Staat.

Der Begriff der Oikonomia führt zunächst zum einzelnen Bürger. Oikonomia ist zusammengesetzt aus oíkos, Haus“ und nomia zum Verb némo verwalten“ und bedeutet also das Haus verwalten“ oder Haus-halten“, auch abstrakt einen Etat“ verwalten. Es geht um eine planvolle Verwaltung von Mitteln. Nach Aristoteles ist darauf zu achten, dass die Ausgaben nicht größer werden als die Einnahmen“ (Oikonomika II 1,6). Dahinter steht die Vorstellung, dass der Mensch Teil einer Gemeinschaft, ein zoon politikon, sei, ein Lebewesen, das in einem Staat lebt (Politik 1253a1-11), Ziel aber ist das gute Leben. Deshalb ist wirtschaftliches Handeln immer auch politisches Handeln, es geht um das eigene individuelle Auskommen und um das Wohlergehen der Polis, des Staates (Nikomachische Ethik 1,1094a‑b).

Viele literarische und philosophische Texte haben sich mit dem Verhältnis von Staat und Ökonomie, aber auch von Staat und Individuum oder mit der Rhetorik beschäftigt. Der früheste Text, die Werke und Tage, stammt von Hesiod (700 v.Chr.) und ist als Zeushymnos gestaltet. Im ersten Teil geht es um die Díke, das Recht, das Grundlage des Staates sein soll. Hesiod wendet sich gegen die geschenkefressenden Könige“, gegen die Korruption, er lobt die gute eris, den konstruktiven“ Streit oder den Wettbewerb, der zur Leistung anspornt, sowie die Richter, die rechten Bescheid geben. Der zweite Teil handelt von der Landwirtschaft, der sorgfältigen Planung, dem Einteilen der Arbeit und der Vorräte, stets im Einklang mit der Natur, dem Kosmos, der umfassenderen Ordnung. Wenn unten“ das Tun des Menschen mit oben“, den Göttern und dem Kosmos, in Einklang steht, dann sichert dies das Wohlergehen des Einzelnen und aller. 

Platon und Aristoteles haben Ende des 5. und im 4. Jh. v. Chr. besonders in den Schriften zum Staat (Politeia, Verfassung“, bzw. Politiká, was zu den Staatsdingen gehört“) ihrerseits diskutiert, wie der Staat und die Oikonomiaorganisiert sein müssen. Platon hält fest, dass der Mensch nicht autark sei, also andere Menschen brauche, allerdings auch die Pleonexie, das Mehr-haben-Wollen“ als einen anthropologischen Grundzug, in sich trage. Dieses Streben nach seinem Vorteil müsse man einschränken, damit der Staat nicht gefährdet sei. Aristoteles dagegen ist bekannt für die systematische Erfassung und Durchdringung verschiedener Wissensbereiche; neben einem theoretischen Teil, der auf Erkenntnis der Wahrheit gerichtet ist, gibt es auch einen praktischen, der verändernd auf die Welt wirkt. Dazu gehört auch die Oikonomia, die der Politik untergeordnet ist. Die Frage ist nun, inwiefern unsere Handlungen zu einem guten und glücklichen Leben beitragen, denn zu einem guten Leben strebt der Mensch von Natur aus, auch für die Gemeinschaft. Um jedoch das Gute zu erkennen und zu erreichen, braucht es eine besondere Urteilskraft, die praktische Vernünftigkeit“ (phrónesis). Diese basiert auf einer Handlungserfahrung, auf einer inneren Unabhängigkeit und Freiheit, um die jeweils beste Lösung in einer Situation zu finden; dafür tragen die Bürger vor allem in einer leitenden Position die Verantwortung.

Zur Politik, zur Demokratia, zur Oikonomia gehört jedoch auch das Reden, die Rhetorik und Kommunikation, die freie Rede vor der Volksversammlung. Auch die Rede soll dieselben Ziele wie die Politik und Ökonomia verfolgen, nämlich das Gute und Beste für die Bürger und den Staat zu erreichen. Im philosophischen Gespräch geht es vor allem darum, dass sich das Reden an der Wahrheit ausrichtet, es geht um die schlüssige Argumentation auf Basis der Fakten. Das mündliche Gespräch, der Dialog ist das Entscheidende, denn hier kann der Lehrer (Sokrates) dem Schüler zeigen, wie man sich kritisch auseinandersetzt mit Argumenten, wie man Freiheit im Denken lernt. Die Reden der Demagogen machen zu, sie sind eng, doch öffnen sollten die Reden, wie diejenigen des Sokrates. Auch die Kunst als eine besondere Form der Auseinandersetzung, als Streben nach dem Allgemeingültigen und Transzendenten, als etwas, was der Zeit enthoben ist, hat hier ihren Ort.

Fasst man zusammen, so lenken die antiken griechischen Texte zur Politik, zur Demokratia, zur Oikonomia die Aufmerksamkeit darauf, dass Ökonomie und Staat verbunden sind, dass die Ökonomie vor allem nicht nur dem homo oeconomicus verpflichtet ist, der auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, sondern vielmehr dem Ganzen, dem Staat, und schließlich – da wirtschaftliches Handeln in eine umfassende Ordnung eingefügt ist – auch der Natur. Die antiken Texte rücken Begriffe wie Ordnung“ und Partizipation in den Vordergrund. Ordnung im gesellschaftlichen Sinn ist Recht und Gerechtigkeit, im ökonomischen Sinn ist es fairer Handel, der die Ressourcen gut verwendet, die Preise korrekt anschreibt, die Waren bezahlt und das Einkommen investiert. Basis ist das Vertrauen, Ziel ist das Wohlergehen, des Einzelnen und des Staates. Eine gute Leitung heißt gute Gesetze machen, gute Lösungen finden, Verantwortung übernehmen, unabhängig auch sich selbst gegenüber sein, frei sein. Politik ist keine Form der Unterhaltung, sondern Argumentation und Auseinandersetzung mit dem Leben, dass es ein gutes Leben sei, für alle. Es ist dieses immaterielle kulturelle Erbe, das uns in den griechischen Texten bewahrt ist, auf diese Weise gibt uns – weit über Europa hinaus – die Antike eine Identität und eine Zukunft.

Univ.-Prof. Dr. phil. Eveline Krummen ist seit 1999 ordentliche Professorin für Klassische Philologie/​Gräzistik an der Universität Graz. Sie studierte Klassische Philologie mit Schwerpunkt Gräzistik, Archäologie und Musik am Konservatorium in Bern und an der Universität Zürich, wo sie mit dem Lizentiat in Griechischer und Lateinischer Philologie sowie Klassischer Archäologie abschloss. Sie unterrichtete an der Kantonsschule Urdorf und war Assistentin an der Universität Zürich, wo sie mit einer Dissertation zu Pindar (De Gruyter 1990) promovierte. Es folgten Forschungsaufenthalte in Cambridge und Tübingen. Im Jahre 1997 habilitierte sie sich an der Universität Zürich. Sie arbeitete und lehrte an den Universitäten Zürich, Bern und Heidelberg. 1998 erhielt sie ein ATHENA-Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die griechische Dichtung, das attische Drama, die antike Philosophie (Platon), antike Bildwissenschaft sowie Antike in der Moderne“ (Antikes Theater auf der modernen Bühne, Die Bedeutung der Antike für die Repräsentation der Fürsten von Eggenberg).

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