II. Fragmente der Nähe – Malerei nach der Fotografie

Evelyn Plaschg, Untitled, 2021
Inkjet Print
84 × 119 cm (4 gerahmte Teile)
Courtesy Layr, Wien
Foto: kunst-dokumentation.com
Am Beginn des malerischen Prozesses von Evelyn Plaschg stehen meist Fotografien. Sie sind als Vorlage für Malerei bei Plaschg eine oft genutzte Methode, um Details und Kompositionen zu entwickeln und dann im nächsten Schritt künstlerische Werke zu erschaffen. Sie bieten der Malerin die Möglichkeit ein Bild festzuhalten. Nach einem sorgfältigen Auswahlprozess entsteht in der Malerei ein Raum, um etwas anderes einzubringen und in der Übertragung, die nicht im Sinne einer Kopie zu verstehen ist, das Sujet zu verfremden und weiterzuentwickeln.
Auf die erste Arbeit im Raum mit dem Titel I don’t believe you anymore (2019) trifft dies als eine der wenigen Ausnahmen im Kontext der Ausstellung nicht zu, denn sie entstand bevor die Fotografie eine stärkere Rolle in ihren malerischen Prozessen zu spielen begann. So ist ein Interesse an der Darstellung von Körpern und der Auseinandersetzung mit Formen des Abbildes darin stark sichtbar. Das Papier, das mit 190 cm in etwa das Maß des Körpers eines erwachsenen Menschen hat, ist mit einer Mischtechnik aus Pigment, Kohle und Marker bemalt und zudem eingeritzt. Schemenhaft zeichnen sich im unteren Bildabschnitt zwei Beine und im oberen linken ein Arm mit ausgestreckter Hand und der Betrachter:in zugewandten Handf läche ab. Im oberen rechten Teil sehen wir einen Ausschnitt eines Gesichts im Halbprofil. Die Figuren scheinen sich aus dem Bildträger heraus zu entwickeln. Im Zusammenspiel mit dem Titel der Arbeit wirkt dessen Ausdruck ernst, vorwurfsvoll und in ihm liegt eine Spur von Traurigkeit. Trotz der wenigen Details, die in dieser Arbeit dargeboten werden, entwickelt sich eine Form von Intimität, so als ob man Zeuge einer Beziehungsszene wird. Dies mag auch an der Darstellung eines lebensgroßen Körpers wie Gesichts liegen, die unmittelbar eine gewisse Naherfahrung erzeugt, auch weil bei dieser Arbeit ohne fotografische Grundlage die damit verbundene Idee von Abbildung, Repräsentation und Authentizität anders gelagert zu sein scheint als bei anderen Arbeiten aus dieser Zeit und in diesem Raum.
Fotografien können als Ausgangspunkt für die Darstellung von Licht, Schatten und Texturen dienen, die in der Malerei oft schwierig zu erfassen sind. Außerdem entbindet die kulturelle Nutzung der Fotografie die Malerei von ihrer Funktion der Abbildung und befreit sie somit auf eine Art. Die Fotografie, die bei Plaschg fast ausschließlich als Vehikel zum Einsatz kommt, ist nicht um Sachlichkeit bemüht, sondern folgt einer eigenen Ästhetik, ist dabei sehr nah am Objekt und entwickelt dadurch oft ungeahnte Perspektiven. Selten werden die Fotografien dabei selbst Teil der Arbeit. Mit Untitled (2021) ist eine der wenige Ausnahmen hierfür im Raum zu sehen. Die Arbeit besteht aus vier separat gerahmten Inkjet-Prints, die Stoß an Stoß mit leichtem Versatz nach oben und unten in einem Block gehängt sind. Jeder der Drucke beinhaltet mehrere fotografische Motive, die sich teilweise überlagern, und zwar nicht im Sinne einer analogen Doppelbelichtung, sondern die einzelnen Bilder oder Ausschnitte sind wie auf einem Bildschirm oder einem Moodboard arrangiert. Jede der vier Bildgruppen in den Rahmen, aus welchen sich die Arbeit zusammensetzt, weist dabei einen eigenen Farbverlauf auf oder ein Spektrum, nach dem die Zusammenstellung erfolgt ist. So zieht sich beispielsweise in den vier Fotografien im oberen rechten Rahmen der Rotton eines Stoffes durch. In der Zusammenstellung lässt sich neben dem Interesse an den farblichen Kompositionen von Schattierung und Variation auch eine Zusammenstellung verschiedener Oberf lächen wie Faltenwürfen erkennen. Teils nur in Andeutungen, und teils offensiver wie mit Bildausschnitten, die ein verwackeltes Gesicht, das in die Kamera blickt, oder einen weiblichen Torso mit schwarzem Slip zeigt. Im Arrangieren der Einzelbilder hin zur Gesamtkomposition lassen sich Parallelen zu Plaschgs malerischem Prozess entdecken, die vor allem im sorgfältigen Auswählen, Anordnen und Verfremden liegen, die ein Exponieren eines Körpers ohne eine gleichzeitige komplette Bloßstellung erst möglich machen.
Die Bilder der künstlerischen Praxis der letzten sechs Jahre werden als eine Art Prolog im Grafikraum gezeigt. Dieses räumliche Kapitel besteht aus älteren Arbeiten, die der Künstlerin sehr wichtig sind und auch Grundlage oder ein Startpunkt für die Publikation gewesen sind, die parallel zur Ausstellung erscheint. Die fotografischen Vorlagen für die Bilder entstanden oft spielerisch, teils gemeinsam mit Freund:innen und sind mit dem Smartphone aufgenommen, was die Bilder schnell, direkt, unmittelbar, beiläufig und mitunter intim anmuten lässt. Dove Dive (2022) zeigt in verschiedenen Blautönen eine zarte Berührung zwischen Körpern, wobei im Ausschnitt von der einen Person lediglich der Arm zu sehen ist, der sich mit ausgestreckter Hand einer zweiten Figur nähert, die ungefähr ab der Hüfte dargestellt ist, aber abgesehen von mittellangem dunklem Haar keine persönlichen Attribute aufweist, und deren Gesicht durch eine Art Schleier verdeckt zu sein scheint. Das Darstellen und gleichzeitige Verbergen ist eine besondere Qualität der Arbeiten von Plaschg. Ganz bewusst spielt sie hier auch mit der Idee des Authentischen, die den digitalen Bildmedien und Social Media im Allgemeinen und der Idee von Selfies und Snapshots im Speziellen anhaftet. Das Inszenatorische tritt dabei – wie wir inzwischen durch den Umgang und die Rezeption mit Objekten, Formaten und verschiedene Plattformen wissen – aber nur vermeintlich in den Hintergrund. So ist zum Beispiel bei Pocket (bright) (2023) der Bildausschnitt so gewählt, dass überhaupt nicht ersichtlich ist, ob es sich um eine bewusst eingenommene Pose handelt oder eine beiläufige Aufnahme, die dem Bild zugrunde liegt. Der Titel legt nahe, dass das bildnerische Interesse eher an der Tasche der Hose liegt als an dem, was in ihr steckt. Beides zeugt von einer jeweils eigenständigen Form des Begehrens, die in den letzten Jahren in kommerziellen Bildwelten verstärkt miteinander vermischt verwendet wurden. Produkte werden viel stärker über Stimmungen und einfache Gesten vermittelt, die vor allem über den Anschein von Echtheit funktionieren, welche sie per se nicht einlösen können. Die Werke sind gleichzeitig Ausdruck eines Lebensgefühls ihrer jüngeren Generation und bedienen sich Mechaniken ihrer Bildproduktion. Um diese Bilder zu erzeugen, nutzt sie in dieser Phase fast ausschließlich Pigment auf Papier, was den direkten Charakter der Darstellung der ursprünglichen Fotografien vermutlich nur noch weiter unterstreicht. Die leuchtenden Pigmente auf dem Papier haben unweigerlich etwas Skizzenhaftes, was dem Momenthaften des Abgebildeten entspricht. Was sie darüber hinaus eint, ist die Art der Darstellung. Die gezeigten Personen treten nicht als Individuum auf und werden nicht porträtiert, vielmehr rücken einzelne Gesten oder Konstellationen zwischen mehreren anonym-bleibenden Personen in den Fokus der Bilder. Die Körper werden nicht soweit ausformuliert, dass sie zu einer Darstellung einer Person, einer Rolle oder eines Charakters werden, sondern stehen für sich oder entfalten sich im Zusammenspiel mit anderen Körpern, und bleiben darüber hinaus Fragment.