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I. Unverortete Körper – Malerei als Zustand

Evelyn Plaschg, 2CB, 2025

Öl auf Leinwand
200 × 140 cm
Courtesy Privatsammlung, Wien

Foto: kunst​-doku​men​ta​ti​on​.com

Die Ausstellung Viscous City bietet mit rund fünfundzwanzig Arbeiten einen Einblick in die malerische Praxis von Evelyn Plaschg, die das Medium der Malerei, seine Konventionen und zeitgenössische Bildwelten auslotet, um zu eigenen ungesehenen Darstellungsformen und Bildkonstruktionen zu gelangen. Dabei ist die Idee von Figuration grundlegend. Das Werk der österreichischen Künstlerin bewegt sich spannungsvoll im Grenzbereich einer ganz grundlegenden Form von Repräsentation. Ihre Bilder changieren zwischen körperhafter Präsenz und formalen Twists, da sich Figuren oft nur fragmentarisch und in vager unpersönlicher Darstellung finden lassen. Die Silhouetten, die in ihren Bildern auftauchen, wirken entgrenzt, verletzlich und unmittelbar. Diese anonymen Körper sind in der Darstellung keine Träger von individueller Identität, sondern losgelöst von einer konkreten Biografie. Sie sind vielmehr gesichtslos, oft namenlos und teils reduziert auf Haltung, Fragment einer Partie des Körpers oder konzertiert hin auf eine Geste. Sie stehen viel weniger für bestimmte Personen als für Zustände, können Projektionsflächen sein, Abbild kollektiver Erfahrungen oder Ausdruck innerer Spannungen. Dabei verzichtet Plaschg bewusst auf eine narrative Klarheit. Ihre Darstellungen von Körpern und in den aktuellen Arbeiten auch von Objekten und Architekturfragmenten entziehen sich klassischen Entwürfen und öffnen sich stattdessen einem vieldeutigen Raum, in dem innere Empfindungen, Triebe und Verletzlichkeit bildlich werden. Sie verbindet ihre fotografischen Referenzen zu einer Form von Figuration, die sich dem Konzept des Abbildes einer Person und dem klassischen Konzept von Portrait und den damit verbundenen Ideen einer Identität bzw. der direkten Wiedergabe eines Gegenstands oder eines Raumes, die sich anhand des Äußerlichen ablesen ließe, entzieht und dem entgegenarbeitet. Hierbei geht es gleichermaßen um gesellschaftliche Fragestellungen wie den Stellenwert der Malerei.

Mit dem Aufkommen der Fotografie im 19. Jahrhundert verlor die Malerei zunehmend ihre Funktion als Mittel zur Abbildung der Welt und ihren Repräsentationszwang. Dieser Funktionsverlust wirkte als Katalysator für die Abstraktion: Maler:innen begannen, sich vom Gegenständlichen zu lösen und stattdessen innere Zustände, Stimmungen oder formale Fragestellungen in den Mittelpunkt zu stellen. Die Malerei fand so zu einer neuen Autonomie jenseits der bloßen Wiedergabe. Im Zeitalter des Digitalen und der sozialen Medien gewinnen Darstellungen von Körpern eine neue Bedeutung innerhalb einer beschleunigten Bildproduktion. Online werden Körper ständig gezeigt, inszeniert und mittels Bildbearbeitung verfremdet. Filter, Posen und Ästhetiken erzeugen normierte, austauschbare Darstellungen, die Individualität verwischen. Der anonyme Körper wird zum Symbol für Selbstinszenierung, Optimierung und zugleich Entfremdung. 

Die Ausstellung Viscous City greift auf bestehende Arbeiten aus den letzten sechs bis sieben Jahren zurück und ist in einer Gesamtschau mit neuen Arbeiten zu sehen, um sowohl eine Entwicklung und Bandbreite innerhalb des Werkes zu zeigen und sichtbar zu machen, woher die thematisch aktuelle Hinwendung zum Stadtraum rührt – zusammengeführt in einer Ausstellung, die das Körperliche im Medium der Malerei in verschiedenen, zeitgenössisch anmutenden Spielweisen auslotet. Dabei lässt sich die Verschiebung ihres Fokus hin zu anderen Formen und Genres der Malerei nachvollziehen. Nach dem Fokussieren auf Körper, die sich gänzlich der Repräsentation entziehen, wendet sich Plaschg urbanen Räumen und vor allem Objekten zu, die zum Teil ein Interesse an systemischen Strukturen wie Verkehr und städtische Infrastrukturen ausdrücken, und über Mikro-Details in starken Zooms indexikalische Darstellungsformen unseres Zusammenlebens f inden. Auffällig ist, dass sich in vielen der Arbeiten gleichförmige Objekte wiederholen, egal ob Stapel von Tabletts, Trauben auf einer Rispe oder Köpfe in einem diffusen Bildraum. Sie alle eint eine gewisse Eindimensionalität und Monotonie, ihr wiederkehrender Anblick ist Teil eines aktuellen Lebensgefühls. Dem entgegenstehend ist der Umgang der Künstlerin mit Ölfarbe, die die Motive nicht nur verfremdet, sondern sie auch in reine Formsprache überführen, die immer auch Anklänge an abstrakte Malerei erzeugt. Diese Spannung zwischen monotoner Motivwahl und lebendiger Ausführung verleiht den Bildern eine eigentümliche Dynamik: Während die Objekte in ihrer seriellen Wiederholung entpersonalisiert wirken und Netz- oder Gitterstrukturen bilden, holt die Malweise sie in einen Zustand der Auflösung und Neudeutung zurück – sie verlieren ihre Funktionalität und werden zu Trägern von Atmosphäre, Emotion oder formaler Reflexion. Denn der Modus Operandi der Ausführung der Motive zielt nicht auf eine direkte Wiedergabe der Objekte, sondern vor allem auf das Wie. Auch wenn dies natürlich für eine Vielzahl von Positionen in der Geschichte und Gegenwart der Malerei gilt, so erzeugt Plaschg mit ihrer Strategie in jeder Arbeit einen besonderen Moment. Gerade die neuen Malereien oszillieren wie in einem flüssigen Zustand zwischen Ding und Fläche. Dieser Schwebezustand verweist auf eine zentrale Qualität der Werke: die Gleichzeitigkeit von Bildlichkeit und deren Auflösung in harten und weichen Formen, und einem engen Farbspektrum mit wenigen Rot- und einigen Blautönen als reflektiertes Moment der Malerei selbst.