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Oswald Wiener

Notizbuch von Oswald Wiener

Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller und Kybernetiker war Oswald Wiener auch als Wirt und Musiker tätig. Seine künstlerische Position ist vielfältig und lässt sich nur schwer eingrenzen. War er anfänglich noch als Teil der Wiener Gruppe an Lesungen und Happenings beteiligt, interessierte er sich später für die Extremen der Natur und des Klimas und somit auch für die Verschiebung, Erweiterung und Überprüfung der Grenzen des eigenen Handelns. Die Ausstellung beleuchtet diese unterschiedlichen Facetten seines Schaffens und stellt sie in einen erweiterten Zusammenhang. Fokussiert werden dabei Werke, die von seinem theoretischen Denken und einhergehenden Fragestellungen, die er auch visuell untersuchte, beeinflusst sind. Neben umfangreichem Archivmaterial zu seinen Schriften, Korrespondenzen und Notizen, werden Zeichnungen, Aquarelle und Musikstücke präsentiert.

Die gezeigten Zeichnungen sind häufig an Wieners Ideen geknüpft. In seiner Serie von Aquarellen zu introspektiven Vorstellungswelten stellt er unterschiedliche Knickungen von Würfeln dar, die er auffaltet und nummeriert. Darin verhandelt er zentrale Themen wie Anwesenheit“, das Wandern des Blicks“ sowie Fragen nach Sehen, Bewegung sowie Räumlichkeit und Fläche. Das Motiv des Würfels als Experiment taucht auch in eigens angefertigten Objekten und weiterem Material auf, das Wiener in seinen Notizen aufzeichnete oder unter anderem für Vorlesungen und Übungen verwendete. Verwandte Motive wie Knoten verweisen darüber hinaus auf seine Auseinandersetzung mit Vorstellungen und dem Prozess des Denkens.

In weiteren Zeichnungen stellt Wiener sich selbst sowie seine eigene Nase dar. Diese Arbeiten entstanden nach einer Augenoperation im Wiener AKH 2009 und lassen sich im Kontext seiner Untersuchungen zu Kognition und Selbstbeobachtung lesen. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers erscheint dabei verschoben und auf den Geruchssinn beziehungsweise auf die Nase als Wahrnehmungsorgan konzentriert. Durch die isolierte Darstellung und die Betrachtung aus wechselnden Perspektiven wird die Nase vom anatomischen Detail zu einem Ort der Selbstbeobachtung.

Zudem wird eine Serie von Zeichnungen gezeigt, in der Oswald Wiener Günter Brus als Vogel darstellt. Ungefähre Anlage von Günter Brus als Vogel entstand für die 1970 erschienene Kunstzeitschrift Schastrommel 4, die von Brus herausgegeben wurde und als ein Publikationsorgan der Österreichischen Exilregierung“ fungierte. Mit sicherem und zugleich reduziertem Strich portraitiert Wiener seinen Freund im Profil – mit Schnabel, langen Wimpern und Federn. Durch die wiederholte Darstellung des ähnlich ausgerichteten Profils mit leichten Abweichungen erscheint der Zeichenprozess wie ein organischer Denkprozess, der innere Vorgänge nach außen kehrt.

Wieners künstlerische Praxis ist als eigenständiger Bereich der Ausstellung zu betrachten, der zugleich eng mit seinem theoretischen Werk verschränkt ist, sodass sich Kunst und Denken nur schwer unabhängig voneinander betrachten lassen. Das heterogene Werk Wieners wird hier in neue Zusammenhänge gebracht, die – nicht zuletzt durch die Zusammenführung mit den Arbeiten anderer Künstler:innen aus unterschiedlichen Generationen – neue Sichtweisen ermöglichen.

Diverse Skizzen und Materialien, 1992 – 1993
Bleistiftzeichnungen, Zeichnungen mit Kugelschreiber

Handschriftliche Notizen und Skizzen zum Thema Was soll Selbstbeobachtung? Mürz 2010“, 2010

Alle Arbeiten Courtesy Ingrid Wiener, Kapfenstein

Ungefähre Anlage von Günter Brus als Vogel, n.d., 1970er
Bleistift auf Papier
21 × 29,7 cm
Courtesy: Archiv Brus, Graz