Zum Inhalt springen

Günter Brus

Günter Brus, Radikaler Versuch, selbst ein Glockenklang ohne Schwingung sein zu können, 1990

Ölkreide auf Papier
70 × 50 cm, gerahmt

Courtesy Private Collection, Graz

Günter Brus führte den Körper als zentrales Ausdrucksmedium in die Kunst ein und verwendete in seiner Praxis Materialien wie Farbe, Körperflüssigkeiten und Alltagsstoffe. Damit verschob er die Grenzen zwischen Bild, Körper und Raum sowie Motiv und Künstler. Gemeinsam mit Oswald Wiener, Peter Weibel und Otto Mühl führte er 1968 im Hörsaal 1 des Neuen Institutsgebäudes der Universität Wien seine Körperanalysen“ im Rahmen der Aktion Kunst und Revolution“ auf. Durch das bewusste Brechen gesellschaftlicher Tabus provozierten sie einen Skandal und wurden zu sechs Monaten Haft verurteilt. Daraufhin ging Brus nach Berlin, wo er gemeinsam mit Oswald Wiener, Gerhard Rühm und anderen die sogenannte Österreichische Exilregierung“ gründete.

In den 1970er-Jahren begann Brus, Zeichnungen anzufertigen, die er mit seinem literarischen Schaffen verband und so den Begriff der Bild-Dichtung prägte. Dabei treffen Bild und Text aufeinander, ohne sich gegenseitig zu erklären oder voneinander abhängig zu sein. Brus behält in dieser medienübergreifenden Praxis seinen prozesshaften, aktionsartigen Zugang bei.

In der Ausstellung werden unterschiedliche Zeichnungen ausgestellt, die in den 1980er- und 1990er-Jahren entstanden. Dabei wird sichtbar, dass sich Brus über eine lange Zeit hinweg mit Fragen der Selbstbeobachtung und Erkenntnis auseinandersetzt. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch der Versuch, wie in zwei Arbeiten deutlich wird. In Vom Ende der Selbstversuche im Halbschattengewächshaus sind diese an externe Objekte wie ein Brett und eine hantelartige Form gebunden, während im Gehirn der dargestellten Person eine innere Unruhe visualisiert wird. In Radikaler Versuch, selbst ein Glockenklang ohne Schwingung sein zu können richtet sich der Versuch auf das eigene Selbst und verfolgt ein entkörperlichtes Ziel, das ein hohes Maß an Selbstbeobachtung voraussetzt.

In der Arbeit Aus mir entsteht nichts, aber ich kann alles machen lässt sich ein Subjekt erkennen, das sich in einer Art Spannungsfeld von Körperlichkeit und Systemlogik befindet: Ein Ich, das sich selbst beobachtet, sich analytisch zerlegt und dabei womöglich auch in technoide, kybernetische Skulptur übergeht. Erkenntnis erscheint als kybernetischer Prozess der Reduktion, in dem der Körper zum technoiden Träger von Kontroll- und Feedbackstrukturen wird.

Vom Ende der Selbstversuche im Halbschattengewächshaus, 1990
Bleistift und Farbstift auf Papier
63 × 44 cm, gerahmt

Radikaler Versuch, selbst ein Glockenklang ohne Schwingung sein zu können, 1990
Ölkreide auf Papier
70 × 50 cm, gerahmt

Das klassische Erbe oder Allegorie auf die Schlußfolgerung, 1983
Ölkreide auf Papier
40 × 30 cm, gerahmt

Aus mir entsteht nichts, aber ich kann alles machen, 1994
Ölkreide und Gouache auf Papier
40 × 30 cm, gerahmt

Alle Werke Courtesy Privatsammlung Graz