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Ingrid Wiener

Ingrid Wiener, JAQUARDBINDUNG, 2019

Gobelin, Wolle, Seide, Kunstseide
50100 cm

Courtesy Charim Galerie, Wien

Ingrid Wiener arbeitet in handgewebten Tapisserien (Gobelins), Aquarellen und Zeichnungen. Ihre in zeitaufwendiger Arbeit entstehenden Gobelins widmen sich den unscheinbaren Dingen ihres unmittelbaren Alltags. Dabei verbindet die Künstlerin Bild und Schrift auf besondere Weise: Notizen, Zahlen, Jahresangaben und andere Kürzel werden zu Bestandteilen der gewebten Bilder, in die teilweise auch Denkansätze und Notizen Oswald Wieners einfließen.

Die großformatige Arbeit Dr. Müllers Kabelfrühling zeigt sehr direkt das unmittelbare Umfeld, das Wiener hinter dem Webstuhl wahrnimmt. Der Historiker Albert Müller, ein enger Freund der Künstlerin, spielte dabei eine wesentliche Rolle: Unter seinem Schreibtisch entdeckte Wiener ein Gewirr aus Kabeln und hielt es spontan fotografisch fest. Bei genauerer Betrachtung eröffnet sich

eine Assoziation zwischen der Materialität von Computern und jener der Webkunst. Die Netzkabel und Verbindungen, die am Beginn unserer digitalen Welt noch offen sichtbar waren, lassen sich als Fortsetzung einer technologischen Entwicklung lesen, die vom Lochkartenwebstuhl bis zu unserer heutigen, allgegenwärtigen Vernetzung reicht. So entsteht eine doppelte Referenz: ein reales Motiv und zugleich ein Bild, das die strukturelle Nähe von Textil und digitaler Infrastruktur reflektiert.

Die obere Reihe der Arbeit JAQUARDBINDUNG greift die Lochkarten des Jacquard-Webstuhls auf, die die automatisierte Steuerung komplexer Muster erm.glichen, und verweist damit auf die Lochkartenweberei – eine Vorläuferin früher Computersysteme. Auch der Gobelin Buchstabe E bezieht sich durch seine Zeichenhaftigkeit auf Computersysteme, ohne diese jedoch konkret abzubilden. In der Mitte der Arbeit bleibt ein Teil bewusst offen, wodurch die Struktur des Webens selbst in den Vordergrund tritt. Der im gleichnamigen Gobelin abgebildete Schnallenverschluss lässt sich in zwei Richtungen drehen, wodurch eine Art mechanisches Spiel entsteht, das an maschinelle Strukturen und zugleich an Oswald Wieners Skizzen erinnert.

Schnallenverschluß, 2019
Gobelin, Wolle, Seide, Kunstseide 
37 × 65 cm

Dr. Müllers Kabelfrühling, 2008
Wolle, Seide, Kunstseide, Wirkerei 
120 × 180 cm
Courtesy MAK – Museum für angewandte Kunst, Wien 

JAQUARDBINDUNG, 2019
Gobelin, Wolle, Seide, Kunstseide 
50 × 100 cm

BUCHSTABE E, 2012
Gobelin, Wolle, Seide, Kunstseide
60 × 32 cm

Alle Arbeiten Courtesy Charim Galerie Wien