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A.rtificial I.ntrospection O.

Die Ausstellung A.rtificial I.ntrospection O. (A.I.O.) widmet sich Fragen des Denkens, der Wahrnehmung und der Subjektivität im Spannungsfeld von Selbstbeobachtung, Kybernetik und Künstlicher Intelligenz. Ausgangspunkt ist das Werk des österreichischen Schriftstellers, Denkpsychologen und Kybernetikers Oswald Wiener, dessen vielschichtiges Schaffen sich seit den 1950er-Jahren kritisch zwischen diesen Disziplinen bewegte und sich konsequent institutioneller Vereinnahmung entzog. Im Zentrum der Ausstellung steht Wieners Konzept der Selbstbeobachtung als denkpsychologische Praxis, die er im Laufe seines Lebens kontinuierlich weiterentwickelte, neu ausrichtete und zunächst literarisch und später auch wissenschaftlich akzentuierte. Sein Buch die verbesserung von mitteleuropa, roman sowie spätere Texte bilden den theoretischen und experimentellen Referenzrahmen der Ausstellung.

Im Dialog mit Alan Turings Automatentheorie, Ludwig Wittgensteins Sprachkritik und kybernetischen Modellen formuliert Wiener eine radikale Kritik des humanistischen Subjektbegriffs. Im Appendix seines Romans, dem teils ironisch angelegten bio-adapter, erscheint der Mensch nicht länger als autonomes Bewusstseinswesen, sondern als Automat, der sich in der Verfl echtung mit seiner Umwelt und mittels eines technischen Befriedigungsanzugs“ zunehmend auflöst. Für Wiener liegt das grundlegende Problem des Turing-Tests und vieler Konzepte Künstlicher Intelligenz in ihrer behavioristischen Ausrichtung: Sie beruhen lediglich auf beobachtbarem Verhalten, auf Reiz-Reaktions-Schemata und statistisch auswertbaren Ereignissen, während subjektives Bewusstsein ausgeblendet bleibt. Nicht erfasst werden jene unsichtbaren Qualitäten menschlichen Denkens wie Vorstellungskraft, Emotion, Wahrnehmung und Weltverständnis. Tatsächlich bleibt so auch das Motiv einer Handlung in der Regel ausgeblendet.

Bereits ab den späten 1950er-Jahren widmete sich Wiener diesen Fragen und arbeitete an einer Theorie des Denkens, die die auf Formalisierung beruhende Automatentheorie um den Aspekt der Selbstbeobachtung erweitert. Damit entwickelte er einen eigenständigen Ansatz, der nach belastbaren Begriffen für die Beschreibung und Erklärung menschlichen Bewusstseins sucht.

A.rtificial I.ntrospection O. setzt Wieners theoretische Überlegungen in Beziehung zu künstlerischen Praktiken seiner Generation sowie zu zeitgenössischen Positionen, die sich mit Selbstwahrnehmung, Sprache und Kybernetik auseinandersetzen. Kunst wird dabei nicht als Gegenpol zur Technik verstanden, sondern als ein Feld vergleichbarer Übersetzungsprozesse: Visuelle, sprachliche und affektive Informationen werden codiert, decodiert und in zirkulierende Systeme überführt. Zugleich reflektieren jüngere künstlerische Positionen die zunehmende Verschränkung von analoger und digitaler Realität als grundlegende Bedingung gegenwärtiger Lebenswelten.

Vor dem Hintergrund einer Gegenwart, in der algorithmische Systeme Entscheidungen mitprägen und KI-basierte Sprachmodelle menschliche Kommunikation simulieren, gewinnt Wieners frühes skeptisches Denken neue Aktualität. Die im Turing-Test angelegte Ununterscheidbarkeit von menschlicher und maschineller Sprachproduktion verschiebt die Frage nach Intelligenz hin zu Fragen der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung. Exemplarisch dafür steht die Figur des Dandys, die Wiener nachhaltig faszinierte: eine geistige Haltung, die davon ausgeht, dass weder der Mensch noch sein Innenleben vollständig erklärbar sind. Der Dandy beobachtet sich selbst und seine Umwelt mit äußerster Präzision, entwickelt jedoch keine abgeschlossenen Systeme, sondern formuliert spontane Gedanken, Fragmente und Aphorismen – ein Verfahren, das auch Wieners eigenes Denken prägt und sich der Logik der Maschine entzieht.

Die Ausstellung öffnet den historischen Horizont von Wieners Denken hin zu befreundeten Künstler:innen ebenso wie zu einer jüngeren Generation, die seine Fragestellungen nicht fortschreibt, sondern unter gegenwärtigen Bedingungen neu konfi guriert. Die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf Alltag, Körper und Sprache sind dabei für viele bereits spürbar und werden sich künftig noch erheblich verstärken. Die experimentelle Ausstellung A.I.O. versucht, Oswald Wieners Ideen künstlerisch produktiv zu machen und zugleich über sie hinauszugehen. Im Fokus stehen die Ursprünge kybernetischen Denkens, die Praxis der Selbstbeobachtung und die komplexe Wechselwirkung von Mensch und Maschine– und damit jene Fähigkeit, die Maschinen bislang noch vorbehalten ist: eigenes Denken und die Entwicklung innerer Vorstellungen.

Kuratiert von Sandro Droschl mit Franca Zitta

Kuratorische Beratung, Nachlass Oswald Wiener: Thomas Eder, Thomas Raab, Nicola Cipani
Kooperation: Franz-Nabl-Institut / Literaturhaus Graz: Klaus Kastberger, Daniela Bartens