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Tishan Hsu

Tishan Hsu, Breath 2, 2021

UV-Druck, Silikon auf Holz
121,957,57,6 cm

Courtesy Privatsammlung, Paris

Tishan Hsu beschäftigt sich bereits seit Mitte der 1980er-Jahre mit den kognitiven und physischen Auswirkungen von Technologien auf den menschlichen Körper. Nach einem Studium der Architektur am Massachusetts Institute of Technology (MIT) kam er schon früh mit Computern in Berührung, durch einen Nebenjob als Textverarbeiter“ („word processor“) an der New Yorker Wall Street. Er setzt in seinen Arbeiten an der Schnittstelle zwischen organischem und künstlichem Leben an und verbindet dabei klassische Techniken mit innovativen Materialien und digitalen Verfahren. Dabei interessieren ihn manuelle Prozesse, die zu einer entschleunigten künstlerischen Produktion führen, und auch in der Betrachtung der Arbeiten eine gewisse Langsamkeit evozieren.

In der Arbeit Breath 2 treffen rasterartige, an digitale Scanlinien erinnernde Strukturen auf organisch wirkende Verformungen, die sich wie eine unter Spannung stehende Haut über die Bildoberfläche legen. Die horizontale Linienstruktur wird durch eine zentrale Auswölbung verzerrt, wodurch der Eindruck entsteht, als drücke sich ein Körper gegen eine membranartige Oberfläche. Diese visuelle Spannung erzeugt eine ambivalente Materialität zwischen digitaler Bildstruktur und körperlicher Präsenz, in der sich Bildschirm und Haut zunehmend überlagern. Die Oberfläche oszilliert zwischen glattem Interface und elastischer, verletzlicher Membran, wodurch die Anmutung eines atmenden“ Bildes entsteht, in dem Bewegung als Deformation sichtbar wird.

Ein eingefügtes Röntgenbild im unteren Bildbereich erweitert diese Bildlogik um eine zweite Ebene der Sichtbarkeit: Während die Rasterstruktur eine äußerliche Erfassung suggeriert, verweist das Röntgenbild auf Durchleuchtung und innere Lesbarkeit. Der Körper erscheint als vollständig erfassbares Objekt, dessen Oberfläche und Inneres gleichermaßen in visuelle Daten übersetzt werden. Diese Gleichzeitigkeit unterschiedlicher bildgebender Verfahren evoziert einen Zustand permanenter Beobachtung und technischer Kontrolle, in dem der Körper nicht mehr als opake Einheit existiert, sondern als kontinuierlich analysierbare Struktur.

Am rechten Bildrand durchbricht eine Silikonform die homogene Bildfläche. Sie erinnert an eine Schnittstelle oder ein technisches Anschlussstück und verweist auf Prozesse von Zu- und Abfuhr, etwa im Kontext medizinischer Apparaturen wie Beatmungsgeräten. Gleichzeitig wirkt es, als würde eine Person unter der Bildoberfläche liegen. Atmung erscheint hier nicht mehr als autonome Tätigkeit, sondern als potenziell regulierter, technologisch unterstützter Prozess.

Wie in anderen Arbeiten Hsus wird der menschliche Körper auch in Breath 2 nicht als abgeschlossene Einheit dargestellt, sondern als hybrides Gefüge aus organischer Materie und technischer Infrastruktur. Die Arbeit verweist somit auf die Gegenwart, in der grundlegende Lebensprozesse wie das Atmen zunehmend in Netzwerke aus Messung, Kontrolle und technologischer Intervention eingebunden sind. Die dargestellte Bildschirm-Haut“ lässt sich dabei als Interface verstehen, an dem Körper und Technologie nicht nur aufeinandertreffen, sondern ineinander übergehen.

Breath 2, 2021
UV-Druck, Silikon auf Holz
121,9 × 57,5 × 7,6 cm
Courtesy Privatsammlung, Paris