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Siegfried Anzinger

Siegfried Anzinger, O.W., 2018

Leimfarbe auf Leinwand, 60 × 40 cm

Courtesy Ingrid Wiener, Kapfenstein

Siegfried Anzinger arbeitet im Medium der Malerei, der Zeichnung sowie der Skulptur aus Ton und Terracotta, wird jedoch primär als Maler wahrgenommen. Seine Werke zeichnen sich durch Dynamik und Spontanität aus. Der Künstler gilt als zentraler Vertreter der österreichischen Neuen Wilden“ der 1980er-Jahre, deren spontane, schwungvolle Kompositionen gegenständliche Sujets aufgreifen. Während diese frühe Phase noch stark von Expressivität geprägt war, entwickelte sich Anzingers Werk im Laufe der Zeit hin zu einem zunehmend referenziellen Bildrepertoire aus kunsthistorischen Bildtraditionen und Alltagsmotiven.

Dabei geht es Anzinger weniger um die Motive als vielmehr um deren Funktion innerhalb der Malerei. Die von ihm teils selbstironisch als Quatschinhalte“ bezeichneten Bildgegenstände dienen als Ausgangspunkt, um in der Komposition bewegter Figuren und räumlicher Situationen die Möglichkeiten der Malerei weiter auszuloten und tradierte Darstellungsweisen zu erproben. Im Bewusstsein kunsthistorischer Techniken verbindet er unterschiedliche malerische Mittel – von der Eigenwertigkeit der Farbe als monochrome Fläche bis zur fragilen Umrisslinie, die eher andeutet als begrenzt.

Er beruft sich dabei auf das Prinzip des Non-finito (It.: unvollendet“), bei dem Arbeiten bewusst unfertig gelassen werden, was sich in seiner eigenen Technik zeigt. Anzinger fügt seinen Malereien wiederholt neue Farbschichten hinzu und arbeitet häufig mit dünner, transparenter Leimfarbe, die nicht korrigierbar ist und hohe Präzision verlangt. Misslingt ein Malvorgang, wäscht der Künstler die Farbe ab, wodurch eine vielschichtige, teils wässrig wirkende Oberfläche entsteht.

Siegfried Anzinger und Oswald Wiener verband eine Freundschaft; ein gemeinsames literarisches Projekt blieb unrealisiert. In der Ausstellung zu sehen ist ein Portrait Wieners, das mit dessen Initialen O.W. versehen ist. Er wird sitzend dargestellt, wobei seine Gesichtszüge mit wenigen Pinselstrichen angedeutet sind und der Kopf farblich ausgespart bleibt. Diese Leerstelle lässt sich als Negativform lesen: Der Ort des Denkens entzieht sich der Darstellung. Auch der Stuhl, auf dem Wiener sitzt, bleibt ausgespart, wodurch sich Figur und Grund in ein instabiles Verhältnis verschieben und teilweise zu verschmelzen scheinen. Die räumliche Verankerung wird dadurch geschwächt, und es entsteht der Eindruck eines offenen, schwer bestimmbaren Kontinuums. Diese malerische Reduktion lenkt den Blick auf innere Zustände und ein Bildverständnis, das nachvollzieht, was sich der Darstellung entzieht, anstatt lediglich abzubilden.

O.W., 2018
Leimfarbe auf Leinwand
60 × 40 cm
Courtesy Ingrid Wiener, Kapfenstein