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Doreen Garner:
Steal, Kill and Destroy: A Thief Who Intended Them Maximum Harm
3.9.–14.11.2021

Eröffnung:

Ausstellung

Doreen Garners (*1986 in Philadelphia, lebt in New York) Skulptur- und Performance-Arbeiten beschäftigen sich mit der Geschichte der medizinischen Experimente an schwarzen Frauenkörpern in Amerika. Indem sie sich weigert, diese Geschichte in eine entpolitisierte Aufzeichnung der Vergangenheit zu verbannen, betont Garner die problematische Beziehung von Medizin und Rasse, die bis heute anhält. Die Ausstellung in der HALLE FÜR KUNST Steiermark ist die erste institutionelle Präsentation der Künstlerin in Europa.

Ansichten

Doreen Garner, Red Rack of those Ravaged and Unconsenting, 2018

Edelstahlstangen, Leuchtstoffröhren, Drähte, Silikon, Isolierschaum, Glasperlen, Glasfaserisolierung, Stahlhaken, Stahlstifte, Perlen
162,56 × 288,93 × 81,28 cm

Courtesy die Künstlerin und JTT, New York

Text

Doreen Garners (*1986 Philadelphia, lebt in New York) Skulptur- und Performance-Arbeiten beschäftigen sich mit der Geschichte der medizinischen Experimente an schwarzen Frauenkörpern in Amerika. Indem sie sich weigert, diese Geschichte in eine entpolitisierte Aufzeichnung der Vergangenheit zu verbannen, betont Garner die problematische Beziehung von Medizin und Rasse, die bis heute anhält.

Garners figurative Werke bestehen unter anderem aus Silikon, Glasfaserisolierung, Kunststoff, Vaseline, künstlichem Haar, Kristallen und Perlen, und ähneln fragmentierten, ja sogar amputierten Körperteilen oder menschlichen Überresten. In der Formgebung wirken ihre plastischen Arbeiten wie Brüste, Organe und Köpfe, die wie Geschwüre oder Blasen funktionieren, welche scheinbar von Haaren überwachsen oder aufgeschnitten sind: ihre kostbaren Füllungen, die häufig aus Perlen oder Schmucksteinen bestehen, quellen oftmals über die Oberfläche der einzelnen Stücke.

Die Darstellung von fragmentierten Körpern spielt auf den Prozess des Aufschneidens und des Wiederzusammennähens jener an und legt Zeugnis ab über die Entmenschlichung, die schwarze Körper im Laufe der Geschichte erfahren haben, insbesondere durch die Hände von James Marion Sims, einer wichtigen Referenzfigur in den Arbeiten der Künstlerin. Sims war ein amerikanischer Arzt, der sich auf gynäkologische Chirurgie spezialisiert hatte. Seine bedeutendste Arbeit war die Entwicklung einer Technik zur Reparatur von vesikovaginalen Fisteln, einem abnormalen oder chirurgisch hergestellten Durchgang zwischen Blase und Vagina, der im 19. Jahrhundert eine katastrophale Komplikation bei Geburten darstellte. Von 1845 bis 1849 führte Sims grausame Experimente an versklavten und absichtlich nicht betäubten Frauen durch, bis er eine chirurgische Technik zur erfolgreichen Reparatur der Fistel entwickelte. Red Rack of Those Ravaged and Unconsenting (2018), ein wesentlicher Teil der Präsentation in Graz, entstand in Reflexion dieser spezifischen entmenschlichenden Verfahren von Sims. Die Materialien, die Garner für das figurative Element der Arbeit verwendet, wie Glasfaserisolierung und expandierender Schaumstoff, beziehen sich auch auf eine Entdeckung, die 1989 gemacht wurde, als das 154 Jahre alte Medical College of Georgia renoviert wurde. Unter dem Keller der Schule wurden fast 10.000 menschliche Knochen und Schädel mit den Spuren von Anatomie-Werkzeugen aus dem neunzehnten Jahrhundert freigelegt. Ein beispielloser Zustrom von Studenten in die medizinischen Fakultäten Mitte des 18. Jahrhunderts führte zu einem außergewöhnlichen Bedarf an Leichen. So begann das Medical College of Georgia zwischen 1835 und 1912 routinemäßig Leichen vom Cedar Grove Cemetery, einem afroamerikanischen Friedhof, zu entführen. Später stellte sich heraus, dass auch viele Schulen im Norden ähnliche Grabräubereien für den Fortschritt der Medizin durchgeführt hatten. Die Autorin Harriet A. Washington beschreibt in ihrem Buch Medical Apartheid die Schwierigkeiten, die dies für Schwarze mit sich brachte: Für Schwarze bedeutete das anatomische Sezieren noch mehr: Es war eine Verlängerung der Sklaverei in die Ewigkeit, weil es ein tiefes Maß an weißer Kontrolle über ihre Körper darstellte und verdeutlichte, dass sie im Tod nicht frei waren.“ Ausgehend von der aktuellen Lebensrealität von Afroamerikaner_​innen, thematisiert Garner in ihrer Arbeit die Erniedrigung und Vergegenständlichung schwarzer Körper, die die tatsächliche gelebte Erfahrung schwarzer Menschen anspricht und in der Kunstgeschichte oft ausgespart wird.

Die Ausstellung in der HALLE FÜR KUNST Steiermark stellt die erste institutionelle Präsentation der Künstlerin in Europa dar. Trotz der Fokussierung auf die amerikanische Geschichte innerhalb der Ausstellung ist die Ausbeutung des schwarzen Körpers nicht einzigartig für Amerika und wird unter Berücksichtigung des lokalen Kontextes im Rahmen des Begleitprogramms diskutiert. 

Kuratiert von Cathrin Mayer

Künstler_innen

Teilnehmende Künstler_innen

Doreen Garner

*1986 Philadelphia, lebt in New York

studierte an der Tyler School of Art an der Tempel University in Philadelphia und an der Rhode Island School of Design in Providence.

Die Arbeiten von Garner wurden unter anderem im MoMA PS1, New York; The National Museum of African American History, Washington und Pioneer Works, New York präsentiert. Garner hatte Residenzen und Stipendien bei Recess Art, New York; dem International Studio and Curatorial Program, Socrates Sculpture Park, New York; Pioneer Works, New York; und der Skowhegan School of Painting and Sculpture, Madison. Sie ist eine lizenzierte Tattoo-Künstlerin. 
 

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